14.03.09 | Praktikum

Generation Praktikum


Praktikanten sind oft billige Arbeitskräfte, doch sie können eine angemessene Vergütung einklagen

Die Presse berichtet von ihnen als "Generation Praktikum" -junge Menschen, die sich während oder vor allem nach ihrer Ausbildung von Praktikantenstelle zu Praktikantenstelle hangeln. Immer in der Hoffnung, irgendwann von einem Unternehmen übernommen zu werden. Nicht wenige Arbeitgeber sehen in Praktika jedoch lediglich eine günstige oder Gratis-Alternative zu bezahlten Einstellungen.

Praktikanten sind im arbeitsrechtlichen Sinne Menschen, die sich, ohne eine systematische Berufsausbildung zu absolvieren, zeitweilig einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit im Rahmen einer Gesamtausbildung unterziehen. Nicht die Arbeitspflicht und Arbeitsleistung stehen dabei im Vordergrund, sondern der Lernzweck -soweit die Theorie. In der Praxis überwiegt nicht selten allein die Arbeitspflicht. Viele Praktikanten leisten in Wirklichkeit Tätigkeiten, die billiger bis Gratis-Arbeit entsprechen.

Steht der Ausbildungszweck nicht im Vordergrund, hat der Betreffende Anspruch auf die übliche Vergütung, die für diese Arbeitsleistung zu zahlen wäre. Diesen Anspruch kann er durchsetzen, selbst wenn er im Praktikantenvertrag etwas anderes vereinbart hat. Entscheidend sind die tatsächlichen Arbeitsleistungen, die tägliche Arbeit. Wichtigster Hinweis für eine klassische Arbeitnehmertätigkeit ist neben der konkreten, zu anderen Arbeitnehmern vergleichbaren und auf bestimmten Qualifikationen fußenden Tätigkeit, die Weisungsgebundenheit von Vorgesetzten und die zu verrichtende Tätigkeit. Hinzu kommen die Arbeitsaufgaben im Allgemeinen sowie die Einbindung in den betrieblichen Arbeitsalltag.

Der Arbeitgeber kann sich auch nicht damit herausreden, dass wegen der geringen Qualifizierung nur ein geringes Entgelt zu zahlen ist. So entschied das Arbeitsgericht Kiel (ArbG Kiel 4 Ca 1187 d/08) jüngst, dass ein Entgelt in Höhe von 200 Euro für eine examinierte Pflegekraft Lohnwucher sei -ob mit oder ohne Praktikantenvertrag.

Der Schein-Praktikant muss seine Rechte mündlich und schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber vermitteln. Druck wird er vermutlich erst durch den Gang zum Anwalt oder über eine Klage vor dem Arbeitsgericht erzeugen können. Für den Arbeitgeber wird das vermeintlich leichte Spiel nun riskant, es könnte teuer werden, denn neben den Kosten der Klage muss er bei Erfolg des Schein-Praktikanten später die komplette Differenz zum Arbeitslohn erstatten. Dazu genießt dieser rückwirkend alle Rechte eines klassischen Arbeitnehmers wie Sozialleistungen und Kündigungsschutz.

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung vom 14.03.2009

Von: Ulf Weigelt