09.03.02 | Zeugnis

Jedes einzelne Wort hat seine Bedeutung


In Arbeitszeugnissen auch zwischen den Zeilen lesen

Jeder Arbeitnehmer hat einen Anspruch auf die Erteilung eines qualifizierten Abschlusszeugnisses, wenn das Arbeitsverhältnis endet. Dies ist unabhängig von der Art seines Arbeitsverhältnisses, sei es eine Voll- oder Teilzeitbeschäftigung oder ein befristetes Arbeitsverhältnis. Wer bei der Bewerbung kein "gutes Zeugnis" vorlegen kann, hat oft kaum Chancen. Die genutzte "Zeugnissprache" ist zudem trügerisch und wird von vielen oft verkannt, sodass ein Zeugnis durchaus von einem Fachmann durchgesehen werden sollte.

Im Regelfall soll das Zeugnis den Arbeitnehmer begünstigen, um nicht den weiteren beruflichen Weg des Arbeitnehmers zu erschweren. Natürlich soll es auch ein Gesamtbild von der Persönlichkeit des Arbeitnehmers vermitteln. Der Arbeitgeber ist bei seinen Formulierungen und in der Wahl der Schwerpunkte für die Beurteilung frei. Die inhaltlichen Angaben müssen jedoch der Wahrheit entsprechen.

Die meisten Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstehen bei der Bewertung der Leistungen und des Verhaltens. Die Leistungsbewertung muss sich nach der konkreten Tätigkeit des Arbeitnehmers richten. Dabei fließen die Leistungsbereitschaft (Motivation), die Arbeitsbefähigung (Auffassungsgabe, physische und psychische Belastbarkeit), die Arbeitsweise (Sorgfalt und Zuverlässigkeit bei Ausübung der Tätigkeit) und der Erfolg in der Arbeit (Zielerreichung, Umsatz) ein.

Die wichtigste Aussage in einem Zeugnis ist die Gesamtbeurteilung. Jeder weiß, dass es Unterschiede zwischen Bewertungen wie "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" und "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" gibt. Nach Schulnoten ist das der Unterschied zwischen einem Sehr gut und einem Gut. Entfällt in der Formulierung der Begriff "stets", handelt es sich um ein Befriedigend. Fehlt dazu noch der Begriff "voll", so signalisiert der Arbeitgeber eine unterdurchschnittliche, aber ausreichende Leistung. "Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt" bedeutet "Mangelhaft". "Er bemühte sich, die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen" spricht dagegen für eine völlig ungenügende Leistung.

Nettigkeiten können täuschen

Auch in der abschließenden Leistungsbewertung hat sich eine spezielle "Geheimsprache der Chefs" herausgebildet. Die Wahrheit liegt oft zwischen den Zeilen. Vorsicht ist daher geboten, wenn Formulierungen wie "Für die Belange der Belegschaft bewies er stets Einfühlungsvermögen" auftauchen. Dies bedeutet im Klartext: "Er war ständig auf der Suche nach Sexualkontakten". Oder "Seine umfangreiche Bildung machte ihn stets zu einem gesuchten Gesprächspartner" bedeutet übersetzt "Er war geschwätzig und führte lange Privatgespräche". Entdeckt der Arbeitnehmer unberechtigte Fallen, hat er einen Anspruch auf Berichtigung.

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung am 09.03.2002.

Von: Ulf Weigelt