05.01.02 | Arbeitsplatz

Lange Arbeitszeit für Ärzte und Krankenhaus


Belastung verstößt gegen Arbeitsregelungen

Nach zwei Jahren Arbeit im Krankenhaus hatte Thomas Schmitz genug von seinem Traumberuf und kündigte. "Arzt ist ein schöner Beruf, man kann nahe an den Menschen arbeiten. Doch der Preis ist einfach zu hoch", sagt der Kinderarzt. Schmitz und seine Kollegen arbeiteten 60 bis 70 Stunden pro Woche - mehr, als es die gesetzlichen Bestimmungen erlauben. "Doch kaum einer traute sich, den Mund aufzumachen." Viele der Ärzte hatten nur befristete Arbeitsverträge in der Tasche, die jedes Jahr um weitere zwölf Monate verlängert werden mussten: "Damit haben die Arbeitgeber ein Druckmittel in der Hand." Schmitz arbeitet nun als Fachjournalist und trauert seiner Arzttätigkeit nicht hinterher. Bei den Ärzten, die nach wie vor im Krankenhaus arbeiten, wächst hingegen der Unmut.

Abrechnung verweigern

Frank Montgomery, der Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund, drohte unverhohlen mit einem Streik der Krankenhausärzte. Kein Streik im herkömmlichen Sinn, sondern eine "administrative Behinderungsmaßnahme": Die Ärzte sollen sich in diesem Jahr einfach weigern, Abrechnungen für die Krankenhausbehandlung von Patienten aufzustellen. Die Krankenhäuser könnten dann keine Kosten mehr bei den Krankenkassen eintreiben. "Damit käme kein Patient zu Schaden, was ethisch nicht vertretbar wäre", sagte Montgomery.

Die Krankenhausärzte drängen besonders darauf, dass in Deutschland ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes umgesetzt wird. Die Richter in Luxemburg hatten entschieden, dass der Bereitschaftsdienst von Ärzten in Krankenhäusern als volle Arbeitszeit gewertet und etwa in Form von Überstundenausgleich abgegolten werden muss. Nach Ansicht der Bundesregierung war dieses Urteil nicht bindend.

Doch aus Sicht des Marburger Bundes müsse das Urteil schnell umgesetzt werden, um Übermüdung von Ärzten und damit eine Patientengefährdung auszuschließen. Das Problem: Für die fehlenden Überstunden müssten 15 000 Mediziner zusätzlich eingestellt werden. Daraus würden auf das schon ohnehin stark belastete Gesundheitssystem neue Kosten von einer Milliarde Euro zukommen.

Krankenkassen sind erwartungsgemäß wenig begeistert von der Idee des Streikes. Der Verband der Angestelltenkrankenkassen (VdAK) hält die Regelung zur Arbeitszeitbegrenzung von Krankenhausärzten für keine gute Lösung. Aus Sicht des VdAK müsse die ganze Ablauforganisation in den Krankenhäusern auf den Prüfstand. Der Bereitschaftsdienst der Ärzte müsse effizienter gestaltet werden.

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung am 05.01.2002.

Von: Ulf Weigelt