30.04.11 | Krankheit

Risiken und Nebenwirkungen


Trotz Grippe auf die Party? Setzt der Mitarbeiter seine Genesung aufs Spiel, kann das vom Chef geahndet werden. 

Die Arbeitsunfähigkeit eines Mitarbeiters beschert den Kollegen zusätzlichen Stress. Für manche Betriebe bedeuten höhere Krankenstände sogar einen hohen Organisationsaufwand. Umso ärgerlicher, wenn der krankgeschriebene Arbeitnehmer scheinbar putzmunter beim Spazierengehen, Einkaufen oder sogar bei arbeitsnahen Tätigkeiten gesehen wird. 

Nicht immer ist das jedoch ein sanktionsfähiges Verhalten. Zwar ist grundsätzlich jedes genesungswidrige Benehmen eines krankgeschriebenen Mitarbeiters untersagt. Jedoch müssen auch sie ihre Lebens- und Arzneimittel einkaufen oder einen Spaziergang an der frischen Luft wagen dürfen, sofern die Krankheit es nicht vollständig verbietet. 

Diese Grundregel ist selten im Arbeitsvertrag niedergeschrieben. Sie resultiert vielmehr aus der allgemeinen Treuepflicht als Nebenpflicht des Beschäftigten. Demnach muss sich der Arbeitnehmer so verhalten, dass er schnell wieder gesund wird. Tut er dies nicht, muss er mit einer Abmahnung oder der Kündigung rechnen. 

Viele arbeitsrechtliche Streitigkeiten drehen sich um diesen Problemkomplex, denn so mancher erboste Arbeitgeber ist bei einem solchen vermeintlichen Fehlverhalten schnell mit einer fristlosen Kündigung zur Hand. Nicht immer geschieht dies zu Recht; der Einzelfall ist entscheidend. So befanden Richter, dass die Teilnahme eines kranken Arbeiters an einer Wallfahrt kein Grund für den Ausspruch einer fristlosen Kündigung sei. Voraussetzung für diese Entscheidung war jedoch, dass die Krankheitszeit sich dadurch nicht verlängert.

Anders sind dagegen Fälle zu bewerten, in denen krankgeschriebene Arbeitnehmer auf anderen Arbeitsstellen gesichtet werden. In solchen Fällen ist die Intensität der Nebentätigkeiten maßgeblich. So hatte ein Schlosser während der Arbeitsunfähigkeit ganztägig an praktischen Schweißkursen teilgenommen. Die Richter sahen einen klaren Pflichtverstoß, der eine außerordentliche Kündigung rechtfertigtet.

Vorsichtigere Arbeitgeber kündigen nicht sofort, sondern gehen zunächst mit Abmahnungen gegen Mitarbeiter vor, die sie beim Blaumachen erwischen. Damit sind sie später auf der "sicheren Seite", selbst dann, wenn es in Wiederholungsfällen nur darum geht, dass Arbeitnehmer durch ihre Aktivitäten den Heilungsprozess ernsthaft gefährden, zum Beispiel wenn sie Freunden beim Renovieren helfen. Eine Verlängerung der Arbeitsunfähigkeit durch ihr Tun ist dann nicht mehr erforderlich, um ihnen wirksam kündigen zu dürfen.

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung am 30.04.2011

 

Von: Ulf Weigelt